ZÖPFE / Вера, Надежда, Любовь

Wera, die schönste Frau der Welt ohne es zu wissen
Nadeshda, die Tochter mit den kurzen Haaren
Ljubov, das Waisenkind mit Zöpfen
Konstantin, der Held der Roten Armee ohne Haare
John, der Deutsche aus Amerika mit Haaren aus der Kinderschokoladenwer- bung
Imran, der Mann mit grauen Haaren und vielen Blumen darin
Chris, der Krankenhausengel, mit Haaren wie sie Engel halt so haben

Auszüge, Stand September 2013

She tied you to a kitchen chair, She broke your throne, she cut your hair. And from your lips she drew the Hallelujah
L. Cohen

BERLIN
Er hatte kein Essen mehr gehabt, noch etwas Käse und Chips, das war alles. Aber die Konserven wollte er nicht anfassen, er kam sich lächerlich vor, Konserven zu essen, ist doch keine Katze, das ging ihm zu weit – Thunfisch aus der Dose zu essen.
Also ist er rausgegangen, auch wenn er wusste, dass man vor der Tür auf ihn wartet. Aber das ist ein freies Land und ein freier Mensch kann gehen, wohin er will.
Und er wollte Lebensmittel einkaufen gehen. Jetzt bekommt er sein Essen durch Schläuche, auch Thunfisch, aber er kommt durch.
Er wählte 110, man sagte ihm, er solle Ruhe bewahren, ihm würde nichts passieren. Sei er schon tätig angegriffen worden? Bedroht. Morddrohung. Ja, aber tätig angegriffen? Mit Schnittwun- den?
Die wollen mich abfackeln, darum.
In seiner eigenen Wohnung. Die Schläger stünden Wache vor der Tür.
Man fragte ihn, in welchem Stock er wohne. Im fünften. Das ist zu hoch, bevor man ihn abfackeln würde, sei die
Feuerwehr da.
Er sagte, schicken Sie mir die Feuer- wehr, wenn Sie nicht selber kommen wollen, das ist mir egal, aber bitte schicken Sie jemanden.
Ich habe Angst, ich kann unmöglichr- ausgehen. Da sitzen Glatzköpfe mit
Haaren vor meiner Haustür und halten Wache. Sie warten, bis ich rauskomme, sie wechseln sich ab.
Der Beamte sagte ihm, er sei paranoid.
Er legte auf und googlte Alternativnummern. Beim Bürgertelefon ging keiner ran.
Bitte, warum geht da jetzt niemand ran, bitte?!
Er sah sich »Tatort« an im Internet und dann »Um Himmels Willen«. Dann wieder »Tatort«.
Immer im Wechsel, switchte hin und her, bis ihm die Augen weh taten und er einschlief. Dann versuche ich es wieder beim Bürgertelefon.
Ein Bürger ging endlich ran.
Er erklärte ihm die Situation mit den Nazis.
Neo-Nazis.
Genau. Er wurde korrigiert. Man sagt nicht Nazis. Man sagt Neo-Nazis.
Aber sonst: das ist ja schrecklich!
Sie redeten eine Weile, der Bürger versprach zu helfen.
Natürlich keine Ahnung wie. Bürgerinitiative. Aufstand. Man muss doch was tun können!
Habe ich bei einem Sorgentelefon angerufen oder was? Ist das so wie eine Beschwerdeannahmestelle, wo es nur darum geht, sich auszuheulen?
Er trank Tee und Wasser und lief Runden in seiner Wohnung.
Ich weiß, dass die Muskelmasse nicht so schnell atrophiert, aber ich werd ́ sonst bescheuert und lauf gegen eine Wand.
Sie kamen vor drei Wochen in seinen Blumenladen und wollten Schutzgeld.
Ich dachte, sie bringen mich gleich auf der Stelle um.
Sie hatten Ketten dabei und schmissen Blumentöpfe um.
Rissen Blumen heraus und lachten. Wie dumm.
Trugen Lacoste und Tommy Hilfiger und hatten Haare.
Sie sahen fast schick aus.
Fast so, als würden sie aufm Amt arbeiten oder so, Bankangestellte in ihrer Freizeit.
Mit dicken Ketten.
Beim ersten Mal taten sie mir nichts. Nur meine Blase brannte. Aber dafür können sie nichts, das habe ich seit der Kindheit.
Beim zweiten Mal nässte er sich ein und sie fassten ihn nicht an. Das war wie ein Schutzreflex von ihm.
Sie lachten ihn aus und kauten an Blumenstengeln.
Zerschlugen die Keramikgefäße, die Vitrine auch.
Schaden von 600 Euro.
Die ich nicht habe, aber sie taten mir nichts.
Weil er sich eingenässt hatte.
Ist ja gut.
Sie zeigten mit dem Finger auf ihn und hielten sich die Nasen zu, aber sie waren sonst fast friedlich.
Er dankte Gott für seine Blasenschwäche.
Ich bin nicht inkontinent! Ich weiß nicht, was Gott mit mir vor hat. Ich bin Mitte fünfzig und meine Haare sind schon ganz grau. Aber den Frauen gefällt es manchmal. Also das mit den Haaren.
Jedenfalls haben die Nazis herausgefunden, wo er wohnt.
Neo-Nazis. Verzeihung. Genau.
Er kann doch nicht jedes Mal mit eingenässter Hose rausgehen.
Ich glaube nicht, dass das noch ein Mal hilft.
Sie versprachen, sie räuchern ihn aus. Geräucherten Thunfisch gibt ́s dann. Die Katzen fressen die Reste.
Er fand das alles so dumm. Fast – ja – konnte er sich das selber nicht glauben.
Nachdem ihm die Bullen nicht geglaubt haben.
Polizisten.
Und eigentlich niemand.
War es vielleicht auch Quatsch.
Er googelte Deutschlands beliebteste Serien, bis er nicht mehr konnte und ging dann einfach raus.
Was sagt man dazu. Was man bestellt, bekommt man auch.

HANUKKAH ODER SOWAS
Imran Sie feiern doch gar kein Weihnachten.
Wera Darf ich dann keinen Lebkuchen essen?
Imran Doch, sicher. Wera Wollen Sie auch? Imran Darf ich schon? Wera Versuchen Sie es. Imran Es riecht schon ekelhaft. Wera Ich weiß.
Imran Das tut weh. Wera Wenigstens können Sie schon
kauen.
Imran Feiern Sie irgendwas?
Wera Wir feiern gar nichts.
Imran Gar nichts gar nichts?
Wera Neujahr. Mit Tannenbaum.
Imran Hanukkah oder sowas?
Wera Ich sag doch nein.
Imran Ich kann den nicht kauen.
Wera Spucken Sie aus. Sie feiern groß mit Familie, stimmt ́s?
Imran Normalerweise. Aber kein Weihnachten.
Wera Bayram?

Imran So ähnlich.

Wera Sie und Ihre Frau kaufen ein Lamm, was Sie dann nach Vorschrift schlachten. Die Kinder warten den ganzen Tag. Muss man fasten?
Imran Ja, man muss fasten.

Wera Kriegen Sie hier eigentlich gutes Essen? Ich meine, nach IhrenVorschriften?
Imran Ich habe keineVorschriften. Und ich feiere kein Bayram.
Wera Irgendwas anderes?

Imran Und eine Frau habe ich auch nicht. Sie ist mir – also vorsichtshalber weggelaufen.
Wera Vorsichtshalber?
Imran Bevor es schlimm wurde.
Wera Gegangen, als es am besten wurde.
Imran Genau.
Wera Tut mir leid. Das war jetzt doof.
Imran Ja.
Wera Was machen Sie Heiligabend?
Imran Switche mich durch das Fernsehprogramm im schönsten Krankenhauszimmer der Stadt. Vielleicht gehe ich in den Aufenthaltsraum mit den Schwestern tanzen, wenn die Ärztin mich lässt.
Wera Vielleicht will die Ärztin mit Ihnen tanzen. Dann müssen Sie bis dahin gesund werden. Kriegen Sie das hin?
Imran Wollen Sie mit mir feiern?
Wera Ich feiere kein Weihnachten.
Imran Einfach so. Tanzen. Wein trinken.
Wera Ich weiß nicht, ob Sie schon Wein trinken dürfen.
Imran Ist nicht halal?
Wera Ist nicht koscher.
Imran Dann haben wir eine Verabredung.
Wera Bis 10 abends. Ich kann meinen Vater nicht alleine lassen.
Imran Aschenputtel, nehmen Sie ihn mit

Wera Das wäre super. Kann er Ihnen zu Weihnachten Geschichten erzählen aus dem Krieg.
Imran War er im KZ?

Wera Er war Arzt bei der Roten Armee.

Imran Im Ernst?

Wera Er ist ein großer Mann gewesen.
Imran Bringen Sie ihn mit.
Wera Man kann ihn nicht bringen. Man kann ihn nicht tragen. Er ist doch keine Katze.
Imran Entschuldigung. Ja. Ich weiß.

Wera Er ist auf Morphium.
Imran Hat er wenigstens keine Schmerzen.
Wera Hat er trotzdem.
Imran Kann niemand bei ihm bleiben?
Wera Ich sollte bei ihm sein.
Imran Um was zu tun?
Wera Das fragen ausgerechnet Sie?
Imran Warum sollte ich das nicht fragen?
Wera Ich dachte, wir haben da was gemeinsam. Dass wir die Väter nicht einfach abwälzen irgendwohin.
Imran Muss Sie enttäuschen.

Wera Kein Bayram, kein Vater. Glauben Sie?
Imran An eine Menge. Nicht unbedingt an Weihnachten. Und an Väter auch nicht so.
Wera Ich komme bei Ihnen vorbei, wenn ich hier bin.
Imran Bringen Sie koscheren Wein mit?
Wera Wenn die Ärztin das für die richtige Indikation hält.
Imran Reden Sie mit ihr, sie ist manchmal ganz zutraulich, wenn sie nicht gestresst ist.
Wera Ich habe sie noch nie nicht gestresst gesehen.

ZUHAUSE
Wera Ist bei dir der Sommer ausgebrochen? Was läufst du im Hemdchen rum?
Nadeshda Mir ist warm.
Wera Menopause?
Nadeshda Wahrscheinlich.
Wera Er hat die ganze Nacht gehustet.
Nadeshda Er will immer noch nicht ins Krankenhaus?
Wera Er will, dass du an seinem Bett sitzt, dann hustet er weniger. Nadeshda Du sitzt doch an seinem Bett, warum hustet er bei dir nicht weniger?
Wera Weil ich seine Tochter bin.
Nadeshda Ich dachte, weil du Ärztin bist. Vielleicht hofft er auf mehr Medikamente.
Wera Ich kann ihm nicht mehr geben, als ich schon tue, das wäre Mord.
Nadeshda Geh schlafen. Ich übernehme.

Wera Geh du. Ich muss eh in zwei Stunden zur Arbeit.
Nadeshda Bittet er dich darum, ihm mehr zu geben?
Wera Ich lese hier noch ein bisschen. Ich kann im Krankenschwesterzimmer schlafen zwischendurch. Bei denen riecht es jetzt nach Lebkuchen und es ist warm. Chris verpfeift mich nie. Er ist mein Schutzengel. Diese kurzen Schlafeinheiten sind gut. Ich fühle mich danach total fit.
Nadeshda Mama. Geh schlafen bitte. Ich setze mich zu ihm okay?
Wera Bitte schneid dir nicht mehr die Haare ab.
Nadeshda Geh schlafen.
Wera Du siehst aus wie eine Lesbe.
Nadeshda Ich bin eine Lesbe.
Wera Ich kann deinen Anblick nicht ertragen. Nimm dir eine Creme, schmier sie dir irgendwohin und leg dich schlafen. Wenn ich von der Arbeit komme und so viele Falten in einem so jungen Gesicht sehen muss, tut mir das weh. Vor allem, wenn es mein Gesicht ist, was ich auf die Welt gebracht habe.
Nadeshda Ich liebe dich, Mama. Ich gehe jetzt schlafen.
Wera Im Kühlschrank ist noch Hering im Mantel.
Nadeshda Danke.
Wera Für morgen.
Nadeshda Ja. Danke.
Wera Soll ich dir einen Wintermantel kaufen?
Nadeshda Wie dem Hering.
Wera Was?
Nadeshda Mir ist warm.
Wera Nadeshda?
Nadeshda Ja?

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