OLIVIA WENZEL. AUSZÜGE AUS: MAIS IN DEUTSCHLAND UND ANDEREN GALAXIEN

noah
susanne
tim
frau bremer
mutter
irmi
walther
madelaine
lila
freddy
anni

noah stille, keiner da. irgendwo knackt was in der wohnung, ich fange an zu heulen. mama, ich lauf rüber zu ihrem bett, die angst wie eine hand im nacken
susanne ich liege
noah das bett ist leer, ich fange an zu schreien, meine eigene stimme macht mir angst. die spinnen und wölfe, die werden mich jetzt holen, die kommen und kriegen mich. plötzlich ein klopfen
frau bremer hallo?
noah eine stimme, von draußen. mit rotz an der lippe laufe ich zur wohnungstür. ich zittere, es ist plötzlich ganz kalt
frau bremer hallo?
noah eine hand guckt durch den brief-
kastenschlitz in unseren flur. ich heule sofort wieder los. es ist frau bremer von oben, ich strecke meine hand nach ihrer aus, ziehe den rotz hoch
susanne ich liege betrunken neben einem sofa, irgendwer grölt irgendein lied mit
frau bremer ist gut, beruhig dich, ich bin ja da
noah frau bremer riecht ganz süß. meine mutter hat gesagt, so riechen die leute, wenn sie bald sterben
susanne ich habe mit fast jedem hier schon mal geschlafen, sie haben sich alle erniedrigt
noah frau bremer streichelt meine hand und ich hoffe, dass sie nicht ausgerechnet jetzt tot umfällt
frau bremer ist ja gut, deine mutter kommt sicher bald wieder, ist ja selber noch ein kind
susanne kein bewusstsein haben
frau bremer die jungen leute, die kommen immer wieder. mein liebling. los, zeig mir mal, wie weit du schon zählen kannst
susanne das tut gut
noah ich bin 7 jahre alt, klettere auf einen baum und starre in den himmel. so viele, schöne lichtpunkte. ich falle rückwärts runter und schlage mir den kopf auf, platzwunde. als meine mutter mich sieht –
susanne noah, scheiße, bist du bescheuert
noah sie packt mich ins auto und wir fahren ins krankenhaus susanne scheiße, scheiße, scheiße
noah mein blut tropft auf meine hose, auf den sitz, auf den gurt und auf meinen linken schuh
susanne wie kann man nur so blöd sein, mach das nie wieder!
noah ich fasse an meinen kopf und schmiere mit dem zeigefinger einen roten blitz an die scheibe
susanne hörst du mir überhaupt zu?

BILD 3 // STOCK UP ON SOME SUNSHINE

mutter ob du hörst, was ich sage sollen wir dort tanken, oder nicht?
noah ja, mach doch. der himmel sieht ganz violett aus. merkwürdig
mutter ich tanke voll
noah die wolken, alles viel zu schnell
mutter brauchst du was?
noah schon okay, ich bezahle
mutter warum?
noah warum denn nicht?
mutter sei nicht albern
noah geht bezahlen
mutter war das wirklich nötig?
noah was?
mutter diese machtdemonstration
noah wie bitte?
mutter dicke eier, dicke geldbörse usw.
noah entschuldigung, es ist mein auto und ich wollte diesen ausflug machen / deshalb dachte ich —
mutter so bist du, wolltest schon als kind immer alles bestimmen. glaubst du, ich bin auf deine hilfe angewiesen?
noah was? wieso denn?
mutter ich brauch das nicht, dass du mir hier so … unter die arme greifst. ich brauch das nicht, okay. ich komme gut allein zu recht
noah ich wollte nur nett sein
mutter seit wann muss man nett zu mir sein?
noah kann man dir überhaupt irgendwas recht machen?!
mutter jedenfalls das konzert, das war der hammer. ich stand in der ersten reihe, völlig nassgeschwitzt, wir haben ewig gewartet, und dann kamen sie. scheiße, das ging direkt in die eingeweide. noah, das war’n richtiges brett
noah du klingst wie eine 16-jährige
mutter und ist das schlecht?
noah als du weg warst, als jugendliche, in der psychatrie – wie war das?
mutter was wühlst du denn heut so in der vergangenheit rum?
noah ist dir da was passiert?
mutter ich wollte weg von zuhause, hab ich doch schon hundertmal gesagt. deinen behämmerten großeltern entkommen und in der klapse, da konnte ich wirklich ich selbst sein

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