ICH WAREN WIR

Kaya (ein Alien)
Manolis
Amira
Momo
Auf dem Karneval: The King Jemand —

Text in Arbeit, Stand August 2013 – Auszüge

AKT 1
1. (Eine Glaswand zwischen Bühne und Publikum. Amira sitzt hinter der Wand auf einem Stuhl. Sie sieht mitgenommen aus und hat Spuren von Tomatensaft am Mund, ein bisschen getrocknetes Blut klebt an ihrem Hals und ihren Händen.)

Kaya Was schaut ihr mich so an? Ich sehe ganz normal aus. Ich sehe wirk- lich normal aus, nicht wahr? (eine Weile)
Könnt ihr mich eigentlich hören? (steht auf und nähert sich der Glas- scheibe)
Hallo? (sie pocht gegen die Scheibe)
Jetzt soll ich wohl reden? (setzt sich wieder hin)
Oder wollt ihr mich nur anschauen? (kokett)
Gefalle ich euch? (hat Schluckauf) Wie lange wollt ihr mich noch so beob- achten? (sie steht wieder auf, geht näher an die Scheibe)
Klopf-klopf, wer ist da? Ich bin ́s, das Alien…
(sie geht ein paar Schritte zurück, nimmt Anlauf und springt gegen die Scheibe, mit beiden Händen voran, wie Spiderman, im Springen)
Wuah! (sie fällt rücklings zu Boden) Hattet ihr Angst? (rappelt sich auf)
Keine Angst, ich hab keine Superkräfte. Ich hab noch nie irgendwas Besonde- res in meinem Leben gemacht… Das vorhin war – (hat wieder ein Schluck- auf) Pardon…– die Tomaten. (stützt die Stirn gegen die Scheibe, leise)
Ich wollte euch bloß warnen. (Geht ein paar Schritte zurück; schaut wieder in die Scheibe) Seid ihr noch da, hinter der Scheibe? Oder seid ihr frühstücken gegangen und ich rede mit mir selber? (laut)
Hallo? Seid ihr da draußen? (kurze Pause)
Ihr könnt mich doch nicht nur so aus dem Dunkeln beobachten. Sagt etwas…. Reagiert. (Sie beginnt gegen die Scheibe zu hämmern)
Sprecht… Ihr sollt reden! Redet doch endlich!
(Langsam Dunkel) (…)

Akt 2, Szene 1

Amira Heute hat das Kind im Park einen Fuchs gesehen. Es wollte ihm
hinterherlaufen. Dabei ist es über eine Leiche gestolpert. Wieder eine dieser wunderbaren ersten Erlebnisse … Und ich, die Mutter, war anwesend!
Manolis Meine erste Leiche, das war im Winter. Ich weiß noch, sie haben sie mit dem Schneeräumgerät aufgelesen.
Amir … Der heute lag unter der Parkbank neben dem Spielplatz. Ich denke, der Typ ist gestorben und runtergerutscht.
Manolis Ist doch auch ihre Sache, woran sie sterben.
Amira Wann ist das eigentlich normal geworden?
Manolis Schon eine Weile.
Amira Scheiße …Was ist los mit mir, warum gewöhn ich mich nicht an sie? Manolis Du hängst zu viel auf der Straße rum, Amira.
Amira Ich bin arbeitsfrei.
Manolis Such dir ein Hobby.
Amira Mein Hobby ist Spazierengehen. (will den Prosecco aufmachen)
Manolis Hey. Den hab ich für Kaya mitgebracht.
Amira Scheiße…(schreit) Kaya! Wir zünden jetzt die Kerzen an.
(Kaya kommt. Amira ploppt den Prosecco auf.) Der Prosecco ist der Sekt der Mittelklasse und der Champagner der Unterschicht. Er passt zu uns allen!
(sie trinkt ihr Glas leer und gießt sich ein neues ein)
Manolis Herzlichen Glückwunsch, Kaya. Lass mich dich küssen.
(Kaya lässt sich von Manolis auf die Wangen küssen)
Wie geht es dir?
Kaya Mir geht es gut. Und wie geht es dir?
Manolis Auch sehr gut. Herzlichen Glückwunsch.
Kaya Danke.
Amira Habt ihr was? Ihr seid so höflich miteinander.
Manolis Ich habe einen Konzern gefunden, der uns finanziell unter die Arme greift. Für Kaya war das ein Verrat an unserer Forscherseele. Sie hat sich beurlauben lassen.
Amira Wie dumm kann man sein, Kaya? Es kotzt mich an… Mein Job ist moralisch nicht sauber. Meine Seele wird unrein. Habt ihr sonst noch Sorgen?
Manolis Was ist los, Kaya, du guckst so komisch…
Kaya Es ist dieses Gefühl. Es macht mich irgendwie fertig.
Amira (macht Anführungsstriche mit den Fingern) Die »Liebe«? (schenkt sich noch ein Glas ein)
Kaya Ihr schiebt es euch ständig hin und her, ohne es zu merken. Aber es macht mich fertig. Von außen. Dann seid ihr mir wieder komplett fremd.
Amira Lass gut sein, Kaya. Alle sind so. Wir fühlen uns nah und dann fremd. Wir haben einen Haufen Gefühle in uns, die wir alle nicht kennen und nicht benennen.
(Kurze Pause)
Manolis Wer will Kuchen? Der ist Kokos-Karotte.
(Sie essen Kuchen)
Manolis Der Kuchen ist gut. Echt gut. Da kauf ich wieder welchen.
(Eine Weile) Oder, Kaya, der Kuchen ist doch lecker?
Kaya Ja.
Amira Mal ehrlich. Die einzige in unserer Familie, die noch Chancen auf ein Leben hatte, und du wirfst es weg. Aus ethischen Gründen!
Manolis Lass sie in Ruhe. Du bist doch selbst total moralisch.
Amira (sauer) Heute willst du echt, dass ich dir eine runterhaue, oder, Manolis?
Manolis Was glaubst du, warum du arbeitsfrei geworden bist? Deine Sozialisierung? Dein unterdurchschnittlicher Schulabschluss?
Amira Reib’s mir noch ein bisschen mehr unter die Nase. Komm.
Manolis Das eigentliche Problem ist, dass du Geld nicht leiden kannst. Und weil du Geld nicht leiden kannst, bleibt es fern von dir. Kommt mir normal vor. Ich würde dir auch nicht nahe kommen an seiner Stelle.
Amira Was soll das »New-Age«- Gequatsche? Liebe, und du wirst geliebt. Alles klar.
Manolis Ich weiß, dass das schwer ist. Reich geborene Leute haben es besser. Es ist viel leichter, etwas zu lieben, das schon immer da war.
Amira Wie soll man auch ein Arschloch lieben, was einem immer wieder in die Fresse haut?
Manolis Geld kann dir nichts Böses tun. Nur der Mangel an Geld.
Amira Ich kann auch einen psychopathischen Massenmörder heiraten, solang er seine Leichen im Keller lässt.
Manolis Das ist eine mentale Sache. Wie Rauchen aufhören.Versuch ́s mal, ist gar nicht so schwer.
Amira Okay. Ich hau dir jetzt einfach eine rein, und danach reden wir über etwas anderes.
(Amira steht auf und will ihm eine reinhauen) (Sie sieht Momo, der in der Tür steht.)
Amira Da steht einer.
Momo Ich bin Momo.
Amira Der Macho?
Momo (leicht geschmeichelt) Sozusagen.
(zu Kaya) Ich dachte, ich überrasche dich. Aber es passt wohl grad nicht?
Manolis Im Gegenteil. Möchtest du ein Stück Kuchen, Momo?
Momo Kaya…?

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