ICH RUFE MEINE SCHWESTERN UND BRÜDER

Zugegebenermaßen der Titel meines Beitrages ist geklaut und dann auch noch verfälscht. Der Titel stammt von Jonas Hassen Khemiri Theaterstück »Jag ringer mina bröder« oder zu deutsch »Ich rufe meine Brüder«. Das Stück spielt 24 Stunden im Kopf der Figur Amor. Amor ruft seine Brüder an, um ihnen vom Attentat und dem Selbstmordtäter in der Innenstadt von Stockholm zu erzählen. Im Laufe der Zeit wird deutlich, dass die Anrufe nicht seinen biologischen Brüdern gelten. Es sind viel mehr Brüder im Geiste, Brüder der Erfahrung von gesellschaftlicher Exklusion und strukturellem Rassismus. Der schwedische Autor Jonas Hassen Khemiri schrieb »Ich rufe meine Brüder« inspiriert von den Ereignissen in Stockholm im Jahr 2010, als der junger Schwede irakischer Herkunft, Taimour Abdulwahab al-Abdaly, eine Bombe anzündete, sich selbst tötete und zwei weitere Personen verletzte. Die Ereignisse führten zu einer öffentlichen Debatte, in deren Mittelpunkt eine mögliche Bedrohung der schwedischen Gesellschaft durch die muslimische Bevölkerung stand. Khemiri verarbeitet diesen gesellschaftlichen Generalverdacht, dem Menschen »of Color« in Schweden aufgrund ihrer Rasse, Ethnie oder auch Nationalität unterlagen. Amor ruft also seine Brüder.
»Ich rufe meine Brüder an und sage: Da ist neulich so ein krankes Ding passiert. Habt ihr gehört? Ein Mann. Ein Auto. Zwei Explosionen. Mitten in der City. Ich rufe meine Brüder an und sage: Nein, niemand wurde gefasst. Niemand wird verdächtigt. Noch nicht. Ich rufe meine Brüder an und sage: Jetzt geht’s los. Haltet euch bereit.«
Khemiri ist in Schweden, aber auch im restlichen Europa ein gefeierter Autor und seine Theaterstücke werden in den nationalen
Theaterhäusern in Europa gespielt. Auf der Bühne verhandeln Khemiris Stücke auf humoristische Art und Weise die Perspektiven von »Personen of Color« auf die Bilder und Stereotypen, die die Mehrheitsgesellschaft auf sie projezieren. Seine Texte haben immer Momente des »Empowerments«. Aber dazu komme ich noch.
Ich rufe also meine Brüder. In meinem Fall auch die Schwestern. Wie bei der Konferenz, die im März 2013 unter dem Motto »Postmigrant Perspectives on European Theatre« am Goethe-Institut in London stattfand. Dort kamen Theatermacher_innen und Vertreter_innen »of Color« von Kulturinstitutionen aus Deutschland, Schweden, Großbritannien und den Niederlanden zusammen, um über postmigrantische Narrative, kulturpolitische Strategien des Empowerment und das Verhältnis von »agency and structure« zu diskutieren. Es waren vor allem junge europäische Theatermacher_innen und Wissenschaftler_innen wie Nasim Aghili, Deniz Utlu, Onur Suzan Nobrega Kömürcü, Omar El-Khairy und Omar Elerian. Anwesend waren aber beispielsweise auch Rani Kasapi, die beim Riksteatern, dem größten schwedischen Theater bis vor kurzem das International Department leitete. Rani Kasapi war es auch, die das europäische Projekt »Europe now« initiierte. »Europe Now« ist ein Zusammenschluss auf europäischer Ebene von Theatermacher_innen of Color und Theaterhäuser mit einer postmigrantischen Ausrichtung. Die Idee hinter dem »Europe Now« – Projekt war die Schaffung einer Plattform, um die in Europa verstreuten Künstler_innen »of Color« zusammen zu bringen. Es sollten gemeinsame Geschichten entwickeln werden, die einem breiteren, da europäischen Publikum zugänglich gemacht werden sollten. Beteiligt wa- ren das Ballhaus Naunynstraße, das Riksteatern Stockholm, Arcola Theatre London, Rast The- ater Amsterdam und Talimhane Tiyatrosu Istanbul. Die im Rahmen von »Europe Now« entstandenen Produktionen wurden in mindestens zwei weiteren Theaterhäusern gezeigt. In diesem Zusammenhang ist auch Khemiris »Ich rufe meine Brüder« entstanden, aber auch das
Theaterstück »Beg your pardon« von Marianna Salzmann, das von Hakan Savas Mican 2012 am Ballhaus Naunynstraße inszeniert wurde.
Die Konferenz wollte dem Geist des »Europe Now«–Projektes auf theoretische Weise nachspüren. Was kann postmigrantisches Theater auf europäischer Ebene sein? Und was sind postmigrantische Perspektiven auf europäisches Theater? Dreh- und Angelpunkt der Konferenz war die Begriffsfindung. »We might not need la- bels, but we need reflection« wurde von den Theatermacher_innen festgestellt. Die Notwendigkeit einer gemeinsamen Sprache, um über eine Entwicklung, einen Zustand oder eine Utopie nachzudenken, birgt aber auch die Gefahr, einem fortlaufenden Prozess ihre Prozesshaftigkeit abzusprechen. Gerade durch staatliche Instrumentarien wird Kunst in Schubladen gesteckt und Künstler_innen verschwinden hinter der Deutungshoheit. Davon zumindest handelte der Vortrag von Hassan Mahamadallie, der sehr lange für das Arts Council England gearbeitet hatte. In seinem Vortrag beschrieb er die Entwicklung der britischen Theaterszene und die Kämpfe der Theatermacher_innen »of Color«. Ein entscheidender Moment war, als beim rassistisch-motivierten Mord an einen Schwarzen Jugendlichen namens Stephan Lawrence die Polizei zunächst gegen das Opfer ermittelte und später die Täter nicht fassen konnte. Dieser Mord führte zum sogenannten »McPherson Report«, einer nachträglichen Untersuchung der Geschehnisse, bei dem das Versagen der Polizei als institutioneller Rassismus aufgedeckt wurde. Dies war ein gesellschaftlich einschneidendes Ereignis, denn nicht nur wurde die Debatte über strukturelle Diskriminierung in der britischen Gesellschaft ausgelöst, sondern auch in den staatlichen Institutionen. Wie eben auch in der Theaterszene. 2001 fand eine Konferenz mit der Prämisse »Racism exists within the theatre sector« statt. Es folgten daraufhin unzählige staatliche Programme, die zur Förderung von Theatermacher_innen »of Color« führen sollten. Aber die strukturelle Ungleichheit hat nicht auf- gehört. Es sind die einzelnen Theatermacher_ innen »of Color«, die sich über die Jahr in die britische Theaterszene durchgekämpft haben. So wie Jatinder Verma, der künstlerische Leiter des ersten »Asian British Theatre« in Großbritannien, Tara Arts. Jatinder Verma, der seine Theaterlaufbahn in den 1970er während der rassistischen Ausschreitungen in Großbritannien aufgenommen hat, ist mittlerweile ein etablierter Theatermacher. Und trotzdem sagt er: »When it comes to Asian or Black Arts, there is no His- tory, only »moments of significance« we lurch from moment to moment of visibility, separated by a void of invisibility we are tasked with developing a theoretical framework that restores a continuous narrative.«

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