BANDEN BILDEN, RÄUME SCHAFFEN, DISKURSE DURCHKREUZEN: POLITISCH THEATER MACHEN WIE AM BALLHAUS NAUNYNSTRASSE

WIR ÄH DEUTSCHE —— EINE ENTSCHULDIGUNG
Sorry. Wir fangen an, aber nicht in Kreuzberg. Da bleiben wir dann eh wieder hängen, vor oder nach einer Theatervorstellung am Ballhaus, mit alten Freunden oder neuen Bekannten, mit geteilten Geschichten und gemeinsam zu spinnenden Visionen. Nee sorry, dieser Artikel beginnt an einem anderen Ort des deutschen Theaters: Der Berliner Schaubühne, im Frühjahr 2009. Da läuft Yael Ronens »Dritte Generation«, ein kluges Stück Diskurstheater, das damit beginnt, dass ein Protagonist nach Worten ringt. Denn bevor das deutsch-israelisch-palästinensische Ensemble einsteigt in dieses heikle Thema will er sich entschuldigen. »…im Namen des deutschen Volkes…äh…der Bundesrepublik Deutschland … äh … den Deutschen …« Ob denn Juden im Publikum seien? Sinti und Roma vielleicht, Behinderte, Homosexuelle? Und wenn es schon ums Entschuldigen gehe, vielleicht sogar ein oder zwei Türken?
Im selben Atemzug, in dem konstatiert wird, dass (Post-) Migrant_innen eigentlich Teil der Verhandlung deutschen Selbst- verständnisses sein müssten, wird ihr Ausschluss aus der Auseinandersetzung bezeugt. Die Frage zielt auf wunde Punkte neuer und neuester deutscher Geschichte und veranschaulicht das Unbehagen deutscher Mehrheitsgesellschaft ob ihrer postmigrantischen Gegenwart. Das tatsächlich ganz überwiegend weißbürgerliche Schaubühnen-Publikum reagiert mit irritiert-belus- tigtem Gemurmel. Nein, Türken im Theater, das ist mensch nicht gewohnt, oder wie es ein Intendant einer türkischstämmigen Schauspielerin mal als Grund für die Ablehnung beim Vorsprechen gesagt haben soll: »Deutsche Bühnen sind immer noch blond.«
Die postmigrantische Realität ist da, Künstler_innen und Kulturschaffende of colour sind da, aber trotzdem fehlen neue deutsche Realitäten, die über die seit Jahrzehnten totgekauten Mitleidserzählungen hinausgehen, im Spielplan, im Kanon, auf der Bühne – »das entspricht nicht den Sehgewohnheiten.« Warum eigentlich?

AUTHENTIZITÄT ALS WÜRZWARE
Auch Kulturproduktion funktioniert nach Marktmecha-nismen. Einer ihrer effektivsten ist es, sich ursprünglich subversive Inhalte anzueignen und in mundgerechten Häppchen konsumierbar zu machen: »Realitätsgerechte Empörung wird zur Wa- renmarke dessen, der dem Betrieb eine neue Idee zuzuführen hat.« In Bezug auf das Schaffen von Künstler_innen of colour geschieht so ein »Einverleiben des Anderen«, das laut bell hooks so erfolgreich ist, weil es »neue Freuden verspricht, intensiver und befrie- digender als das normale Tun und Treiben. In einer Warenkultur wird Ethnizität zur Würze. Sie macht die langweilige Kost pikant, nämlich die weiße Kultur des Mainstream.«
»Weil postmigrantische Künstler_innen im Kulturbetrieb meist als Einzelkämpfer_innen unterwegs sein müssen«, ist es schwierig, sich der unfreiwilligen Lieferantenposition für eben diese Geschichten und Erzählweisen zu erwehren, die dem »Appetit auf das Andere« der Mehrheitsgesellschaft verdaulich sind. Dass ihre Kunst unverhältnismäßig oft als »autobiographisch« gelabelt wird, ist ein unabdingbares Ritual dieses Authentizitätskults, der »Einblicke« in angeblich verschlossene Welten als Verkaufsschlager im Sortiment führt. Besonders gerne sollen postmigrantische Kulturschaffende zum Beispiel eine Überset- zerposition nicht nur für »ihre« community, sondern auch für deren Arbeiterklasse übernehmen. Gemeinerweise kann die Sprechposition sogar als Korrektiv der gängigen Narrative gemeint sein und trotzdem die (Selbst-)Festschreibung auf »ethnifizierte« Inhalte fixieren, denn: Rederecht wird eben gerade für das Aufgreifen und Wiedererzählen der hegemonialen Narrative erteilt.
Wer als »authentische Stimme« spricht und das sagt, was die Mehrheit von ihr erwartet, begibt sich in ein ambivalentes Verhältnis sowohl zur Mehrheitsgesellschaft als auch zu der community, als deren Stellvertreter sie angerufen wird: gewissermaßen als »Kulturmakler«, ein Job, der mit ordentlicher Provision vergütet wird. In einer solchen Auseinandersetzung aber bleiben Perspektiven und Lebenswelten »vom Rande« lediglich Kulissen und Szenenbild für Geschichten, die im Wesentlichen auf Mehrheitsangehörige ausgerichtet sind.
Wer weder die Nachfrage nach der »Würze« befriedigen noch sich in das hegemoniale Narrativ und den Authentizitätskult einreihen möchte, stellt sich einem von Mehr- und Minderheitenangehörigen getragenen, also hegemonialen, Diskurs entgegen. Weil Hegemonie dezentral organisiert ist, kann sie nur dann wirksam angegriffen werden, wenn die Vereinzelung in und das An- gewiesensein auf die Mainstream-Institutionen überwunden wer- den. Das heißt: Banden bilden. Räume schaffen. In Diskurse eingreifen von einer Position, die in Bewegung bleibt, die Identität als Prozesse der Identifizierung denkt, Gelegenheiten nutzt, jede Sprechposition als momentane begreift und auf vielen Ebenen zugleich ansetzt. Dann ist es möglich, Gegenbilder zu schaffen, die durch Komplexität verstören, statt wieder Stereotype zu reproduzieren und so tatsächlich hegemoniale Diskurse »kritisieren, zurückweisen, durchkreuzen, verschieben, ironisieren etc.«

AUS DER DRITTEN REIHE BELLEN
Zurück zu unserem nach Worte ringendem Entschuldiger, den ich im Interesse dieses Essays in einer Zeitschleife verwickelt habe, weshalb er weiterhin auf der Schaubühnen-Bühne steht, nach »ein oder zwei Türken« fragt und dem irritiert-belustigtem Gemurmel im Publikum lauscht. Dieses übertönte in der Premiere allerdings eine selbstbewusste Antwort aus dem hinte- ren Drittel des Zuschauerraums: »Wir sind hier — und wir werden immer mehr!«
Wer hier tatsächlich die Konfrontation deutscher Empfindlichkeiten nutzte, selbst das Wort ergriff und auf die Präsenz von (Post-)Migranten hinwies — im Zuschauerraum eines etablierten deutschen Theaters, in der deutschen Gesellschaft, in der Verhandlung deutscher Vergangenheit und Zukunft — das war Shermin Langhoff. Wenige Monate zuvor hatte in Kreuzberg das Ballhaus Naunynstraße als Deutschlands erstes postmigrantisches Theater seine Pforten geöffnet mit dem Anspruch, durch künstlerische Impulse in der Theaterlandschaft ebenso unverfroren »aus der dritten Reihe zu bellen« wie seine Intendantin aus dem Zuschauerraum.
Agenda: Den »Geschichten und Perspektiven derer, die selbst nicht mehr migriert sind, diesen Migrationshintergrund aber als persönliches Wissen und kollektive Erinnerung mitbringen« und deren künstlerischer Verhandlung als spannender, komplexer und wichtiger Teil deutscher Realität neue Wege bahnen, abseits der von Fremdzuschreibung und Kulturmaklertum ausgetretenen Pfade. »Was ist präsent? Präsent ist Necla Kelek, präsent sind Ehrenmorde, präsent sind Kopftuchdebatte. Das war die Motivation zu sagen: okay, es lohnt sich nach neuen Bildern zu suchen im Kontext von Migration. Womit wir uns endlich wieder gen Kreuzberg 36 bewegen können, um den Rest dieses Essays auf der Ballhaus-Terasse un- ter dem Kastanienbaum oder bei einem Efes unten in der Bar entspannt zu genießen. Und um vom Ballhaus als politischem Theater lernen: Banden bilden. Räume schaffen. Diskurse durchkreuzen.

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