ABKOMMEN

Elyas Mutter
Canan Sel
Frau vom Empfang
Kellner
Bürgermeister
Kommilitone
Freundin von Kommilitone
Vater der Folkloretänzerin
Aylin Yefa
Moderator
(Elyas ist ein Chor. Die Anderen können vom Chor abwechselnd gespielt werden.)

Text in Arbeit.

Ich scheiß auf den Bürgermeister. Ich scheiß aufs Anwerbeabkommen.
Ich scheiß auf die Arbeitsmigration. Auch auf jede andere Form der Migration.
Ich scheiß auf diese Stadt. Ich scheiß auf dieses Land. Ich scheiß auf das Kapital.
Ich scheiß auf den Kommunismus.
Ich scheiß auf die Nazis und ich scheiß auf die Antifa.
Ich scheiß auf die Kanaken. Auf die Anzugsträger und Punks.
Ich scheiß auf die deutsche Einheit.
Ich scheiß auf den Sozialstaat.
Ich scheiß auf die »Deutsche Rentenversicherung Bund« und auf die gesetzlichen Krankenkassen.
Ich scheiß auf die Bundeszentrale für politische Bildung. Und überhaupt auf politische Bildung. Auch auf unpolitische Bildung.
Ich scheiß auf die Romantik und auf die Aufklärung. Auf die Industrialisierung.
Ich scheiß auf die Döner-Industrie.
Ich scheiß auf den Motorroller für den einemillionundersten Gastarbeiter. Ich scheiß auf das Beileidsgenicke von selbsternannten Gläubigen nach dem Tod meines Vaters.
Ich scheiß auf all die Jahre, die ich damit verbracht habe, die Decke anzustarren. Ich verlange hier und jetzt diese Jahre zurück. Meine und die meines Vaters.
Meine vier. Seine vierzig.
Dies ist ein amtlicher Antrag, ich habe Jura studiert.

2
Nicht, dass ich davon etwas verstehen würde, aber ich habe bei einem Lyrik-Wettbewerb gewonnen. Ich, Hans Schmidt! So hab ich mich genannt: Hans Schmidt.
Mann, war meine Mutter Stolz. – Du bist ein Dichter? – Hast du je daran gezweifelt? Sie ist mitgekommen zur Preisverleihung. Hätte sie besser lassen sollen.
Ich habe mir einen Turban auf den Kopf gesetzt und meinen Vollbart gegen den Strich gekämmt. Dann bin ich auf die Bühne und habe statt dieses dämlichen Gedichts das Glaubensbekenntnis der Moslems auf arabisch verlesen.
Für meine Mutter war das der dritte Tiefpunkt meines bisherigen Lebens.
Nummer Eins: Mit sechzehn das Schaufenster des kdw eingeschmissen.
Nummer Zwei: Studium abgebrochen.
Und jetzt Nummer Drei: Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet.
Der regierende Bürgermeister scheint damit lockerer umzugehen. Er hat mir nämlich geschrieben.

3
Ich mit Jackett vor dem Spiegel: Das Haar: zerzaust.
Ein schmutziger Bart bis zu den Augenlidern.
Die Tränensäcke: Violett.
Am äußeren Rand des rechten Auges eine Falte, weiß, dreieckig. Zwischen den Brauen: Ein Spalt geöffnet.
Das Haar immer noch voll und immer noch schwarz. Aber nicht so voll, wie es einmal war und an zwei Stellen: Grau. Wann ist das passiert?
Ich war lange damit beschäftigt Dinge abzuhaken:
Ausstellung des Totenscheins, abgehakt.Tickets für Vaters Überführung besorgen, abgehakt.
Antrag auf Verlängerung der Halbwaisenrente, abgehakt.
Repetitorium fürs erste Staatsexamen, abgehakt.
Danach saß ich mit einer Büchse Bier in der Hand auf meinem Sofa und hakte mich selber ab.
Ich ging früh schlafen. Vier Jahre lang.
Jetzt bin ich aufgewacht und der Bürgermeister will einen Guten-Morgen-Fick?
Vier Jahre, was ist das schon?
Ich sag dir, was das ist: Innerhalb von vier Jahren hört das Jungsein auf.
Vier Jahre und aus.
Manchmal kommt es vor, dass du einschläfst und erst in vier Jahren wieder aufwachst. Manchmal bleibt die Zeit stehen, vier Jahre lang.
Du wachst auf und bist viel älter. Die Zeit läuft weiter.
Du sagst »gestern«, andere korrigieren dich: »vor vier Jahren.«
Manchmal passieren Dinge, die pusten dich aus deinem Körper.
Die Leute denken, du bist da, aber du bist es nicht.
Sie sagen: »Du bist so stark, wie schaffst du das.« Aber du bist nicht da. Und du weißt nicht, dass du nicht da bist, bis du wieder da bist — vier Jahre später.
Die, die dich um deine Stärke bewundert haben, sind gereift, sie stehen im Leben. Du bist, wo du warst, als du aus deinem Körper fielst, als die Zeit stehen blieb, als du einschliefst. Die anderen stehen im Leben.
Du kriechst zurück. In deinen Körper. Er ist anders jetzt.

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