Vor genau 7 Jahren erschien in freitext Ausgabe Nr. 10: Dominanz & Widerstand

Kultur: Dominanz & Widerstand

Von Mutlu Ergün

„Cultures are never static: they evolve through history. That is why the process of cultural reproduction is, in part, a process of cultural transformation. At any given time a group will inherit certain cultural institutions and traditions, but its acts of reiteration or repudiation, its everyday interactions and its rituals practices will serve to select, modify, and transform these institutions.“

Avter Brah – Cartographies of Diaspora

 

In den letzten Jahrzehnten hat der Gebrauch des Begriffs „Kultur“ fast inflationäre Ausmaße angenommen. Dieser exzessive Gebrauch deutet auf unsichere Bedingungen der (Re)Produktion von Kultur in der Gesellschaft hin. Nichtsdestotrotz hat der häufige Gebrauch nicht zur Klärung des Begriffes beigetragen.

Wo kommt „Kultur“ her?

Das Wort „Kultur“ stammt vom lateinischen Verb colere, kultivieren ab, und von dem Nomen cultura. Diese Definition unterliegt der binären Judeo-Christlichen Tradition, nach der „Kultur“ im Gegensatz zur „Natur“ steht. In vielen „westlichen“ Kulturen ist diese Vorstellung heute noch lebendig. Diese Vorstellung von Kultur als Kultivation ist auch vergleichbar mit Platos Vorstellung von Kultur als eine Art „Staatsbürgerschaftskunde“. Plato bezieht sich auf Kultur als paideia, als Pädagogik im Kontext der polis, der Stadt, der zivilen Gesellschaft. Er beschreibt Kultur als Erziehung von Staatsbürgern zu „Wächtern“, welche die Stadt vor fremden Bedrohungen schützen und sich um die Mitbürger kümmern sollen. Die Kultur als „philosophische“ Natur dieser „Wächter“ unterscheidet zwischen dem Verwandten/Freund/Bekannten und dem Fremden/Feind/Unbekannten (Baecker 2006). Diese Unterscheidung ist auch heute noch präsent in aktuelleren Diskursen über Kultur, zum Beispiel im Kontext der Migration, und hat sich manifestiert in Vorstellungen vom „Selbst“ und vom „Anderen“.

Was ist Kultur?

Die Komplexität des Konzepts von Kultur zeigt sich in Kroeber und Kluckhohns (1964) Sammlung von 164 Definitionen von „Kultur“. Diese alleine zeigen, wie schwierig es ist zu definieren, was Kultur ist. Am Ende folgerten sie, dass „Kultur eine Abstraktion von konkretem Verhalten, aber nicht Verhalten selbst ist.“

Delokalisierung von Kultur

Kultur und Identität sind miteinander verwoben. In seinen Theorien über Identität spricht Stuart Hall über fünf  „dislocations of identity“, welche den Verlust der Selbstwahrnehmung tiefgreifend einleiteten: Zunächst geschah dies mit Karl Marx‘ Theorie, dass Identität ein soziales Produkt ist. Die Theorie von Marx veranschaulichte, dass die Sozialisation und die Rahmenbedingungen derselben unsere Identität wesentlich stärker prägen, als zuvor angenommen wurde. Darauf folgte Sigmund Freud, der verdeutlichte, dass das Subjekt nicht wirklich „Herr/Dame des Hauses“ ist. Freuds Arbeit revolutionierte Vorstellungen über Identität, indem er untersuchte, inwiefern das Bewusstsein vom Unbewussten gesteuert ist. In Kontinuität zu Marx verortete Ferdinand de Saussures Sprachtheorie Sprache als ein soziales und nicht als ein individuelles System, welches uns vorhergeht und zu dem wir uns in Beziehung setzen. Michel Foucaults Identitätskonzept, welches in weiten Teilen auf Saussures Arbeit basiert, beschreibt einem ähnliches soziales System: von der Disziplinarmacht, der Regulierung, der Überwachung, der Kontrolle des Individuums, durch Institutionen wie Firmen, Kasernen, Schulen, Gefängnissen, Heimen, Kliniken etc. Foucaults Schriften zerstörten den romantischen Mythos der kreativen und nach eigenem, freien Willen gestalteten Individualisierung. Vielmehr beschrieb Foucault das Ich als einen Ort, an dem sich die geheimen Mechanismen der Macht festschreiben und reproduzieren. Kurz darauf folgte der Feminismus, der verdeutlichte, dass auch das Private politisch ist.

Hall untersuchte diese fünf großen Veränderungen der westlichen Gesellschaften. Doch welchen Einfluss hatte diese „Delokalisierungen“ auf das Konzept von Kultur? Da Kultur und Identität so sehr miteinander verbunden sind, lässt sich die „dislocation“ auch auf Kultur übertragen. Die Logik von „Kultur“ war, dass es eine Art äußerer, unbewegter Fixpunkt des Denkens und Handelns war, durch die Delokalisierung, wurde dies als eine Illusion enthüllt: in andern Worten, die Haltlosigkeit der Kultur, kreierte eine Haltlosigkeit des Seins. Marx sagte mit seiner Theorie letztendlich, dass der Einfluss von Kultur auf das Individuum so stark ist, dass es das gesamte Sein formt. Dazu kam, dass seine Ideen über Hegemonie und Unterdrückung, Privateigentum, Kapital und Produktion, aber auch über das Zentrum und die Peripherie, die Wahrnehmung von Kultur drastisch veränderten. Mit Marx wurde Kultur omnipräsent, Sozialisation wurde fast deterministisch und Veränderungen nur möglich durch Revolution.

Freuds psychoanalytisches Konzept von Kultur erklärte nicht nur den Einfluss des Unbewussten auf Sprache und Kreativität. Es erklärte auch, wie die Kontrolle des Sexualtriebs Gesellschaften formt. Das bewusste Element von Kultur wurde reduziert auf die „Spitze des Eisberges“, während dem unbewussten Teil der Kultur eine wesentlich größere Bedeutung zukam, als zuvor. Nur durch die Psychotherapie erlange das Individuum ein größeres Bewusstsein über das eigene unbewusste Leben und könne sich verändern. In diesem Fall wäre ein bewusster kultureller Wandel nur durch eine kollektive Psychotherapie möglich.

Saussures Theorie hatte nicht nur starken Einfluss auf Linguisten, sondern auch auf den strukturalistischen und dekonstruktivistischen Diskurs und schuf ein sehr semiotisches Konzept von Kultur, wie zum Beispiel das von Geertz, der die Verbindung von Mensch und Kultur verglich mit „einem Tier, welches gefangen ist in einem Netz von Bedeutungen, das es selbst gewoben hat.“ Der zentrale Punkt der Analyse in diesem Konzept ist dann die Suche nach Bedeutungen und weniger die nach Gesetzen (Geertz: 1993).

Foucault bezog sich ebenfalls stark auf Saussures Ideen, aber er entwickelte das Konzept von Diskursen, welche Kultur und Identität prägen. Dabei betonte Foucault die Hierarchie der Diskurse, welche unsere soziale Realität konstruieren, als tief verwurzelt in unserem alltäglichen Leben. Die Institutionen, welche die Disziplinarmacht repräsentieren, reflektieren die Paradigmen, die fundamentalen Vorstellungen von Kultur. Ein Wechsel der Paradigmen ist somit unweigerlich eine Veränderung der Kultur.

Ebenso veränderte der Feminismus das Konzept von Kultur in den letzten Jahrzehnten drastisch. Die größte Veränderung kam durch das Ende der Dichotomie von „öffentlicher“ oder „politischer“ Kultur und „privater“ Kultur. Ist das private politisch, ist somit auch Kultur im Ganzen ein politischer Begriff.

Die geschlossene und binäre Konzeption von Kultur wurde herausgefordert, Kultur wurde offener, flexibler, verhandelbar, widersprüchlich, innovativ, herausfordernd, besonders in Bezug zu Veränderungen.

Dominanz oder Widerstand

Im Folgenden verwende ich zwei Zitate eines Autors, um zu verdeutlichen, welche Rolle Kultur sowohl in der Dominierung „Anderer“ haben kann, als auch ein wesentlicher Bestandteil des Widerstandes ist:

„My idea is that European and then American interest in the Orient was political according to some of the obvious historical accounts of that I have given here, but that it was culture that created that interest, that acted dynamically along with brute political, economic, and military rationales to make the Orient the varied and complicated place that it obviously was in the field I call Orientalism.“

Edward Said – Orientalism

Saids Hauptargument ist, dass das imperiale Projekt politisch war, aber durch Kultur geschaffen und gehandelt wurde. In der kolonialen Ära wurden „Westliche“ Kulturen als höher, weiter entwickelt konstruiert als „Andere“ oder „Native“ Kulturen. Das Maß der Modernität war oder ist das Europäische Zentrum. Je mehr eine Kultur von der Natur entfremdet war, desto mehr wurde sie als „zivilisiert“ angesehen. Dieser Standard wurde als Rechtfertigung zur Kolonisierung anderer Kulturen gesetzt; die imperiale Entschuldigung war: „Wir bringen die Zivilisation in die Welt“. In diesem Fall diente das Konzept der Kultur dazu andere Kulturen zu dominieren.

Aber Said gibt noch ein weiteres Beispiel, wozu das Konzept der Kultur verwendet werden kann. In „Culture and Resistance“ wird er gefragt, welche Rolle Kultur in Widerstandsbewegungen spielen kann:

„Take the Palestinian situation as a case in this point. There‘s a whole assembly of cultural expression that has become part of the consolidation and persistence of Palestinian identity. There‘s a Palestinian cinema, a Palestinian Theatre, a Palestinian poetry, and literature in general. There‘s a Palestinian critical and political discourse. In the case of a political identity that‘s being threatened, culture is a way of fighting against extinction and obliteration. Culture is a form of memory against effacement. In that respect, I think it‘s terribly important.

But there is another dimension of cultural discourse – the power to analyze, to get past cliché and straight out-and-out lies from authority, the questioning of authority, the search for alternatives. These are also part of the arsenal of cultural resistance.“

Edward Said – Culture and Resistance

Hier beschreibt Said das Konzept Kultur als das absolute Gegenteil zum ersten. Hier ist Kultur nicht die Grundlage zur Dominierung, sie ist der Widerstand gegen Dominanz und Fremdherrschaft. Kolonisierung ging oft Hand in Hand mit physischem, aber auch kulturellem Genozid. Die Kolonisatoren versuchten die „native“ Kultur zu verbieten, weil sie wussten, welches Widerstandspotenznial in ihrer kulturellen Praxis enthalten sein kann. Wenn das koloniale Ziel die Zerstörung der „nativen“ Kultur war, war es schon Widerstand in sich diese, Kultur am Leben zu erhalten. Aber Said geht noch einen Schritt weiter. Für ihn enthält die Kultur die Techniken und Methoden der Subversion und somit nicht nur das Potenzial der Zerstörung, es kann auch eine Quelle des Erschaffens von Neuem sein, des Konstruierens von Alternativen.

Said hatte einen großen Einfluss auf die Cultural Studies und trug zur Dekonstruktion der Vorstellung einer homogenen und geschlossenen Kultur bei. Er inspirierte Akademiker wie Homi Bhaba, der ein Gegenkonzept zu dieser geschlossenen Vorstellung von Kultur schuf. Für Bhaba ist Kultur ein hybrider, ambivalenter, Zwischen-Ort (Third Space) wo das Individuum in einem aktiven Prozess des Samplings aus dem kulturellen Arsenal der Rituale, Symbole und Praktiken schöpfen kann. Dieses Konzept ist durchaus radikal, da es die Vorstellung einer statischen, unveränderten Kultur dekonstruiert. (Bhaba 1994, Gürses 1998).

Auch wenn verschiedene Definitionen von Kultur im Laufe der Geschichte entstanden, die binäre Tradition „westlicher“ Kulturen ebnete den Weg für „Weiße“ Vorherrschaft und Koloniale Unterdrückung. Marxismus, Psychoanalyse, Strukturalismus, Dekonstruktion und Feminismus formten neue Kulturkonzepte durch das Hinterfragen früherer hegemonialer Vorstellungen. Nichtsdestotrotz wurden und werden kulturelle Erscheinungen politisch funktionalisiert (Solomos 1993); die europäische Literatur des 18. und 19 Jahrhunderts rechtfertigte das imperiale Projekt (Said 1993), Samuel Huntingtons „Clash of Civilisations“ (Kampf der Kulturen) reproduziert diese Neo-Koloniale Ideologie. Aber Unterdrückung bringt auch Widerstand hervor und für „People of Color“ ist oder kann Kultur ein wichtiges Mittel im Machtkampf sein. Said sagte, dass es keinen Kampf der Kulturen gibt, sondern einen Kampf um kulturelle Definitionen. Die Erfahrungen der Marginalisierten zwingt uns dazu, Mainstream-Vorstellungen von Kultur genauer zu untersuchen. Um mit Salman Rushdies Worten zu enden: Neue Dinge können sich nur durch Mischung entwickeln.

 

Bibliographie

Baecker, D. (2006) „Die Form der Kultur (The Form of Culture)“ in C. B. Grant (ed), Risse im System (Tears in the System), Stadtlicher Presse, Berlin

Bhaba, H. (1994) The Location of Culture, Routledge, London and New York

Brah, A. (1996) Cartagrophies of Diaspora – Contesting Identities, Routledge, New York and London

Geertz, C. (1973) Interpretations of Cultures, Basic Books, New York

Gürses, H. (1998) „Der andere Schauspieler“ („The Other Actor“) in Polylog Nr. 2, 62-81

Hall, S. (1992b) „The Question of Cultural Identity“, in S. Hall, D. Held, J. McGrew (eds.), Modernity and Its Futures, Polity Press, Cambridge

Huntington, S (1996) Kampf der Kulturen – Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, Wilhelm Goldmann Verlag, München

Marshal, G (ed)(1998) Oxford Dictionary of Sociology, Oxford University Press, Oxford and New York

Said, E. (1978) Orientalism – Western Conceptions of the Orient, Penguin Books, London

Said, E. (1993) Culture and Imperialism, Vintage, London and Sidney

Said, E. (2003) Culture and Resistance, Pluto Press, London

Solomos, J. (1993) Race and Racism in Britain, Macmillan Press, London



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