paradigmenwechsel

Von Mutlu Ergün-Hamaz

 

Sich am richtigen Ort fühlen. Für mich ist sich am richtigen Ort zu fühlen immer eine Besonderheit gewesen. Als Kind von nicht-Weißen Einwanderern in unserer Nachbarschaft hatte ich dieses Gefühl selten. An der Universität als Kind von Arbeiter_innen hatte ich dieses Gefühl auch nicht oft. Selbst in der Türkei, dem Land aus dem meine Eltern kommen, hatte ich nicht wirklich das Gefühl, am richtigen Ort zu sein. Der richtige Ort war selten ein geographisch fixierter Punkt. Meist war oder ist er nur ein vages Gefühl, ein kurzer Augenblick wo all die Entfremdung und Entmenschlichung, die ich erfahren habe, abgelegt wird. Wo ich mich in dem Prozess, in dem Fluss dessen, was den Kern unserer Suche ausmacht, wieder finde und gleichzeitig loslassen kann. Dies waren seltene, spezielle Momente: die Geburt eines Kindes miterleben zu dürfen, einer Person zu helfen und im Nachhinein zu begreifen, wie viel ich mir selber dabei geholfen habe, mit einer Gruppe von Menschen eine Vision zu teilen und in kleinen, langsamen Schritten daran zu arbeiten, diese Vision wahr zu machen.

Die freitext-Community ist so ein Ort. Träume und Visionen können lebendig werden. Geschwindigkeit ist darin ein wichtiger Faktor. Oder besser, Entschleunigung. Für das freitext-Kollektiv war es lange Zeit möglich, neben all den verschiedenen Schritten, die wir gingen, diese Vision zu verwirklichen, ein Heft zu produzieren. Jedesmal war es ein wundervolles Gefühl, gemeinsam an einem Magazin gearbeitet zu haben und das fertige Produkt in der Hand zu halten. Selten gab es ein Gefühl, das eine_n mehr empowert hat. Wenn ich eines der alten Hefte in die Hand nehme, Texte, Gedichte überfliege, nehme ich dieses warme Gefühl im Bauch war, den richtigen Ort.

Als ich im Sommer 2004 Deniz Utlu (TWT4LIFE!) und Sofia Hamaz (Batlican) näher kennenlernte, hatte ich keine Ahnung, wie sehr diese beiden Menschen auf unterschiedliche Art und Weise mein Leben verändern würden. Mit beiden verbindet mich eine innige Freundschaft und beide verhalfen mir dazu, das Beste aus mir herauszuholen. Im selben Jahr lernte ich Marianna Salzmann (Gunz, we need gunz) und Deniz Keskin (Sorry Deniz für all meine Last-Minute-Einsendungen!) kennen. Ihre Persönlichkeiten und ihre Kunst sind eine große Inspiration für mich. Mike Klesse (Ich schicke dir Knutscher), das Rückgrat von freitext, lernte ich auch zu diesem Zeitpunkt kennen. Später kamen Marcela Knapp (it was an honour – ich weiss, too much Anglizismen) und Yüksel Hayirli hinzu. Yüksel flashte uns alle mit seiner visuellen Arbeit für einige Zeit, verließ uns dann aber aufgrund unterschiedlicher künstlerischer Einstellungen. Mit Marcela zusammen zu arbeiten war unglaublich bereichernd, in der Redaktion wäre ohne sie vieles zusammengefallen. Zuletzt kamen Sophie Elmenthaler (What!What!) und dann offiziell Sofia Hamaz (Batlican Pt. 2 is the best) ins Team. Sie ermöglichten, dass freitext ihren Horizont erweitern konnte. All diese Menschen haben auf ganz unterschiedliche Art und Weise dazu beigetragen, dass freitext immer besser wurde, inhaltlich, sprachlich, visuell, haptisch.

Ich kann nicht für die anderen reden, aber einer meiner größten Antriebe bei freitext (unentgeltlich) zu arbeiten, ist/war das Empowerment von People of Color. Als ich bei freitext anfing, sagte ich das auch zu Deniz U., aber ich glaube, damals verstand ich selbst noch nicht so genau, was das eigentlich bedeutete. freitext (aber auch meine politische Arbeit bei Phoenix e.V. und meine akademische Arbeit an der LSE) verhalfen mir immer mehr zu verstehen, was es bedeutet zu versuchen, Gesellschaft zu verändern. Veränderung bedeutet einen Paradigmenwechsel, einen grundlegenden Wandel unserer Glaubensgrundsätze. Und in freitext arbeiteten wir mit dem Paradigma of Color, was bedeutete, dass die Erfahrungen und Analysen von POC im Zentrum unserer Arbeit standen. Es war ein wahnsinnig großes Privileg, Teil dieses Aushandlungsprozesses in freitext gewesen zu sein, zusammen mit den Autor_innen und visuellen Künstler_innen zu überlegen, was Menschlichkeit alles bedeuten kann, insbesondere, wenn jene Personen sie einfordern, denen Menschlichkeit so oft verwehrt wird. Diese gemeinsame Suche hat uns auf eine besondere Art und Weise zusammen gebracht, wir waren/sind gemeinsam am richtigen Ort, und jedes einzelne Heft ist ein Zeugnis davon.

Wenn ich die Hefte in meinen Händen halte, fühle ich auch all die Veränderungen, die das freitext-Kollektiv durchgemacht hat. Wir sind gewachsen, sind geschrumpft, haben kooperiert, haben gelacht, haben uns angeflaunzt, haben gemeinsam getrauert, haben altes gehen lassen und haben neue Freunde gefunden, die Familie wuchs. Veränderung ist eine der wenigen Konstanten in unserem Leben. Jetzt sind wir wohl an den Punkt gekommen, an dem sich unsere Existenzen um das Heft herum aus verschiedenen Gründen so dermaßen beschleunigt haben, dass es sehr schwierig wurde, die nötige Entschleunigung zu kreieren. Das Print-Magazin freitext wurde immer weniger Empowerment und immer mehr eine Last. Nun ist wohl der richtige Augenblick gekommen, freitext zu transformieren. freitext war schon immer mehr als nur ein Heft. Jede freitext-Launch wurde von den verschiedensten Veranstaltungen an den verschiedensten Orten der Welt begleitet. Wir waren schon immer mehr als nur eine Redaktion, wir sind ein Team, eine Community. Daher wird freitext als Kollektiv auch weiterhin bestehen bleiben.

Transformation ist schon immer ein guter Ort, ein richtiger, wichtiger Ort gewesen. Diejenigen, die schon immer den freitext-Spirit geteilt haben, werden gerne mit uns auf den verschiedenen Pfaden, die uns zu den richtigen Orten führen wandeln. Denn wenn wir zusammen kommen, dann teilen wir eine Vision, wir teilen einen Traum, wir spüren den richtigen Ort an dem wir stehen. Wir geben nur das Papier auf, nicht den Gedanken. Und wer weiß, das Papier muss auch nicht für immer verloren sein.



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